zum Edwin Scharff-Preis 2006 der Freien u. Hansestadt Hamburg
Preisverleihung am 24. September 2007, Nordhalle der Deichtorhallen

Gunnar F. Gerlach

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Michael – Bolisch –
eine Laudatio über ein so umfangreiches, vielgestaltiges und reflektiertes Werk, wie es das von Michael Dörner glücklicherweise darstellt, in 5 Minuten zu halten, ist nicht nur unter einem Angemessenheits- und Gerechtigkeits-Aspekt eine schwierige Aufgabe. Der umfangreichen Veranstaltung des heutigen abends gestundet, habe ich mich deshalb dazu entschlossen, die konventionelle Form des kunstwissenschaftlich reflektierten Rede aufzulösen und mich für die Form des persönlichen Briefes mit öffentlicher Lausch-Angriffs-Erlaubnis entschieden.

Mein lieber Michael,
verbunden mit meinen allerherzlichsten, freundschaftlichen Glückwünschen möchte ich versuchen in gebotener Ver-Kürzung bestimmte wesentliche Aspekte Deiner Arbeit in Erinnerung zu rufen, die auch mir stetige Anregung und Reflektions-Koinzidenz zu weiteren Arbeit waren und sind. Ein Gedanke von Edgar Wind in „Kunst und Anarchie“ scheint dabei auf:
Widerspruchsgeist und Unzufriedenheit standen von jeher den Künsten nicht feindlich gegenüber, sondern begleiteten sie wie Schutzgeister … Wer sich im Leben nichts Höheres zu wünschen vermag als seine Ruhe, der tut gut daran, sich nicht mit Kunst zu befassen.“

In diesem Sinne hast Du dir wirklich alle Mühe gegeben kaum eine gestaltete Form, Kategorie, Gattung oder Reflektion unbefragt zu lassen: Befreiung durch Befragung. Es scheint mir eine unentfremdete Koexistenz von Mentalität, Vermögen und reflektierter Gestaltungs-Kraft zu sein, die Dich prägt als Grenz-Wahrnehmer, Grenzen befragender, auflösender (ja, sprengender) und neu-Ersteller aus auch ethischen und ästhetischen Notwendigkeiten. Hilfreich bei diesem weit über ästhetische und akademische Grenzungen hinausweisende Methode war dabei sicher auch das durch Deinen HfbK-Lehrer vermittelte Wissen – des von uns beiden geschätzten Franz Erhard Walther. Der Zusammenhang von Material-Bestimmung und Auslotung im Verhältnis zu sinnlich reflektierten Wahrnehmungsformen, die zu (auch sozialen) Handlungen im Raum führen und damit auch Haltung dokumentieren: geistig, sinnlich, sozial, politisch und philosophisch.

Gegen die normativ gebundenen und gefesselten, einseitigen Ordnungssysteme zumeist der herrschenden Moral, die selten die Moral der Herrschenden ist, sind für Dich Bild, Relief, Plastik, Installation, Architektur zudem ein Verweis auf darin zu entbergende Aktions- und Handlungs-Möglichkeiten, die auch Humor, Spott, Satire und Surrealität vertragen müssen: ein in durchschaubares, farbiges Fruchtgummi gegossener Menschenkopf wird bei Dir zur Tischlampe – verweist auf den Kopf als Ort der Einheit von substanzieller Sinneswahrnehmung und Reflektion und des Nach-denkens als Vor-denken: In der innersten Struktur der Synapsen und Transmitter voller Bewegung, außen jedoch in scheinhafter, fester Form. Augen, Ohren, Nase und Mund sind jedoch gestisch begabt und dienen der Kommunikation über visuelle und akustische Zeichen. Sinne und Denken können sich jedoch untereinander in ihren Erkenntnisformen widersprechen. In Glas und Gummi gearbeitet wird deutlich: das Gehirn, die Tischlampe, leuchtet, weil es sich in Widersprüchen und Gegensätzen – auch des Materials – bewegt. Und dies heißt auch, mit den Worten von Charles William Morris: „Überzeugendsein eines Zeichens ist nicht dasselbe wie seine Wahrheit oder Zuverlässigkeit.“

So, wie wir der Zeichen symbolisch, lieber „bolisch“, bedürfen für den sozialen Austausch, braucht Austausch eben auch Zeichen! Du hast dies bei einer unserer Aktionen sinnfällig formuliert:“ Begriffe manifestieren sich in Dingen und die sind ja aus Material geschaffen…Begriffe tauchen auf, sind da und doch nicht. Und in dem Moment fängt unser Denken an und Sprache bildet sich.“

Auf dieser Grenze „Zwischen Risiko und Einrichtung“ arbeitest Du Bruchlinien heraus, die sich auf elementare sinnes- und geisteserzieherische Aspekte beziehen – gegen Vor-Urteile und falsche, zumindest befragungswürdige, Normen und Konventionen – auch im falschen Leben, um dies mit Adorno auszusprechen. Diese Widersprüche u.a. zwischen Bild, Gebilde, Geflecht und Sprache und ökonomisch-politischen Bedingungen durch kapitalzweckgebundene Bewertungen verursachen auch über den Kunstmarkt einen „Zerrspiegel“ (M. Dörner). Eine Deiner gestalterischen Wege diesem Fatalismus zu entkommen sind ritualisierte Formen der Zusammenkunft verschiedener Menschen und Interessensgruppen im Spiel: eine Überwindung des Dramas der gebrochenen Zeiten, Räume und Lebensläufe durch Erstellung von Gegenräumen. Heterotopien nannte dies Michel Foucault. In diesem Reich der Gesten und Rituale befinden wir uns zugleich und parallel im Bereich autarker und realer Zeichen: Bildformen, Klänge, physische und psychische Bewegungen werden zusammengegossen und heben die Grenze von Trick, Können, Kenntnis und Aufrichtigkeit auf. So kann bei Dir das so völlig zu unrecht als Prolet-Kult desavouierte Skat- und Fußballspiel Kunstform bleiben und wieder werden, genauso wie das Ritual von Speisen- und Tisch-Genossenschaft oder astrologisches forschen mit kathartischem Aufführungscharakter. Hier wird zusammengefügt, was tatsächlich zusammengehört: die Einheit von substanzieller Sinnlichkeit und Reflektion als Bedingung der Wahrnehmung von Widersprüchen zu höherer, sozialer Erkenntnis und Kompetenz. Dies ist auch eine künstlerische Handlungs- und Haltungsanleitung zum Widerstand gegen verführtes Bewusstsein einer einseitig technoid-instrumentalisierten Vernunft.

Für mich gelingt Dir so eine sinnliche und intelligente Synthese aus Experiment, Erfahrung und einer nach Vorne gedachten künstlerisch-historischen Rückbesinnung auf die Forderungen hierarchiefreier

Versuche und Operationen (Eingriffe) seit dem 19.Jh. bis in die Gegenwart: die ins konstruktiv-alltägliche hineingelagerte Praxis und Theorie als operierende Ko-Operative zur Auflösung begrenzter Realitäten und vermeintlicher Wahrheiten.

Es ist mir Freude und Ehre zugleich mit Dir sinnlich, reflektorisch und freundschaftlich verbunden sein zu dürfen. „Crosstown traffic“ von Jimi Hendrix war und ist uns beiden ein wunderbares Weg-Zeichen. Auch durch Deine Weg-Gefährtin und Frau Eva und Eure drei Rasselbanden-Jungs wurde viel ermöglicht: vor allem denke ich, Durchhaltevermögen und Hoffnung in Liebe auch in weniger guten Zeiten.

Du hast 2006 im Kunstverein Göppingen einen großen Regenschirm mir Warburg’scher Ritual-Kenntnis aufgebaut – der aus sich selbst heraus regnende Regenschirm. Werk und Katalog sind betitelt „Freut Euch“. Deine Weggefährten tun das sehr. Ich wünsch Dir und Deiner Familie in diesem humorig-gedrehten Sinne einen großen SonnenSchirm…

Ganz herzlich
Dein Gunnar

Veröffentlicht in: Texte.
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