Schule Türkenstraße 68, München, 2003
368cm x 483cm x 18cm
Transluzentes Glasrelief

In der Pausenhalle leuchtet neuerdings der Kiosk für Snacks und Getränke so verführerisch, als könnte man ihn sich Stück für Stück einverleiben. Dieser trügerische Eindruck ist von Michael Dörner durchaus beabsichtigt, der hier eine zeitgenössische Variante des Lebkuchenhäuschens inklusive dessen Ambivalenzen errichtet hat. Dörners Auseinandersetzung mit transparenten Materialien und Licht gipfelte in seriellen Architekturen aus Fruchtgummi, die urbane Modelle vorschlugen und sich zunächst dem Verzehr verweigerten, bald tatsächlich in wohlschmeckende Installationen mündeten.

Leere Verpackungen von Konsumartikeln, gerne auch Süßwarenschachteln bildeten die Gussformen für die ephemere Baussubstanz und schlugen damit eine Ikonografie der alltäglichen oralen Versuchung vor. Als Matrix tauchen diese Formen auch hier am Kiosk wieder auf; mit Glas in ein beständigeres, jedoch nicht minder visuell attraktives Material übersetzt. Von hinten erhellen zahlreiche Leuchtstoffröhren die opaken Wände und an der Vorderseite tragen Glasplatten eine Fülle von unterschiedlichen Formen. Das tastbare, verführerische Flachrelief erweckt in seiner synthetischen Modulstruktur die Vision von Verfügbarkeit und beliebiger Wiederholbarkeit.

Damit unterwandert Michael Dörner so spielerisch wie subversiv den Einzigartigkeitsanspruch hoher Kunst und verweist auf Massenfertigung von Komfort und Genuss, ganz wie sie sich im Inneren des Kiosks manifestiert. Der leuchtende Schrein selbst ist nicht essbar; natürlich nicht und für seinen Inhalt haben die zumeist kleinen Kunden keinen so drastischen Preis zu entrichten wie weiland Hänsel und Gretel. Dennoch könnte das optische Spektakel in seiner heiteren Geometrie einen Moment lang von den Verlockungen des Konsums ablenken und auf Sättigung durch Kunst setzen.

Susanne Altmann, 2003

Landeshauptstadt München, Baureferat Kommission für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum
www.quivid.de

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