{"id":99,"date":"1998-01-25T21:58:54","date_gmt":"1998-01-25T20:58:54","guid":{"rendered":"https:\/\/michaeldoerner.de\/?p=99"},"modified":"2021-03-22T17:44:19","modified_gmt":"2021-03-22T16:44:19","slug":"das-kunstwerk-als-generator","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/text\/texte\/das-kunstwerk-als-generator\/","title":{"rendered":"DAS KUNSTWERK ALS GENERATOR"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber Material und Sprache in den neueren Arbeiten von Michael D\u00f6rner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Knut Nievers, 1998<\/p>\n\n\n\n<p>In unsere Kunstbetrachtung hat sich die schlechte Angewohnheit eingenistet, zumindest mit dem zweiten Blick nach dem Titel des Kunstwerkes zu schauen, nat\u00fcrlich in der Erwartung, dort Aufschlu\u00df \u00fcber die Bedeutung zu erhalten. In einer Ausstellung mit k\u00fcnstlerischen Arbeiten Michael D\u00f6rners hilft dieser Blick wenig. Alle Arbeiten sind mit einer Zahlenkombination &#8222;betitelt&#8220;, die das Werk an einen bestimmten Platz in der Entstehungsfolge eines bestimmten Jahres stellen.\u00a0Der Titel bedeutet also nichts f\u00fcr die Interpretation, ist jedoch trotzdem insofern signifikant, als er das Werk in eine &#8222;nach oben&#8220;, d.h. zur Gegenwart hin offene numerische Skala einreiht, die zugleich eine zeitliche Abfolge anzeigt.\u00a0Das einzelne Werk erscheint so als materielle Verdichtung eines historischen Kontextes, der den unendlichen Flu\u00df des Zeitlaufs unterbricht, aber auch in ihm mitschwimmt. Insofern markiert jedes einzelne Werk zugleich das Ende und den Anfang einer Reihe.<br><br>Das Deutungsverlangen des Betrachters k\u00f6nnte zun\u00e4chst bei den Materialangaben mehr Nahrung finden. &#8222;6.92&#8220; besteht aus &#8222;Kunstleder, Glas, Kunststoff, Licht,&#8230;&#8220;, &#8222;5.96&#8220; aus &#8222;Frottee, Fruchtgummi, Zahnb\u00fcrste,&#8230;&#8220;, &#8222;6.93&#8220; aus &#8222;Nudeln, Kunstleder, Moosgummi&#8220;. Wir halten uns ein bi\u00dfchen auf bei &#8222;1.97&#8220;, also bei der ersten Arbeit des Jahres 1997, bestehend aus den Materialien Frottee und Fruchtgummi. In dieser, besonders f\u00fcr ein Kunstwerk, ungew\u00f6hnlichen Kombination &#8222;gew\u00f6hnlicher&#8220;, d.h. alltagsdefinierter Materialkombination (&#8222;W\u00e4hrend er aus der Duschkabine trat und nach dem flauschigen Frotteehandtuch griff, glitt seine rechte Hand in das stets in seinem Bad bereitstehende Plastikgef\u00e4\u00df mit Gummib\u00e4rchen&#8230;&#8220;), mag der Betrachter einen irritierenden, jedoch g\u00fcnstigen Ausgangspunkt f\u00fcr seine Bedeutungssuche erblicken. Was hat er vor Augen? &#8222;1.97&#8220; ist eine Bodenarbeit von betr\u00e4chtlichen Ausma\u00dfen, die allerdings je nach den Bedingungen des Ausstellungsraumes variiert werden k\u00f6nnen. Auf einem niedrigen, T-f\u00f6rmigen und tischartigen Sockel aus Holz oder direkt auf dem Boden findet der Betrachter eine regelm\u00e4\u00dfige Anordnung von Fruchtgummigegenst\u00e4nden unterschiedlicher Form und Farbe, die auf Fl\u00e4chen von Frotteestoff gestellt sind, zwischen denen ein geometrisches Muster von &#8222;Stra\u00dfen&#8220; freibleibt. Aus der Vogelperspektive, in der sich das Werk dem Betrachter darbietet, meldet sich sehr schnell die Assoziation einer modellhaften Stadtlandschaft. Die Formen der Fruchtgummigegenst\u00e4nde verdanken sich zum gr\u00f6\u00dften Teil einfachen Gef\u00e4\u00dfen t\u00e4glichen Gebrauchs, in die die noch fl\u00fcssige Masse gef\u00fcllt und aus denen sie nach Erkalten und Erstarren wie Zitterpuddinge gest\u00fcrzt worden ist.<br><br>Materialien, Formen, Farben und die Gesamtanordnung von &#8222;1.97&#8220; rufen im Betrachter bestimmte, unterschiedliche Assoziationen hervor, die jedoch nicht alle in die gleiche Richtung laufen, so da\u00df der Betrachter, der auf ein wohlgeordnetes Ensemble von Formen trifft (&#8222;Architekturmodell&#8220;) vom Werk in der Weise angesprochen wird, da\u00df er die in unterschiedliche Richtungen verlaufenden Assoziationen in Ordnung zu bringen versucht. Wenn er dabei nicht nur wild spekulierend verfahren und sich mit dem (Trug)Schlu\u00df zur Ruhe bringen will, es handle sich bei &#8222;1.97&#8220; um die Tat eines durchgeknallten Architekten, geht er am besten vor wie ein generativer Grammatiker, der die Bedeutung eines Textes nicht als Summe einer Addition von in ihrer Bedeutung a priori festgelegter Elemente zu ziehen sucht, sondern sich, gleichsam wie ein Blinder, Geh\u00f6rloser, Geruchs-, Geschmacks- und Tastloser, jedoch unter Anspannung aller Sinne und des ganzen Verstandes oder besser wie Einer, der geradeerst alle diese sinnlichen und analytischen F\u00e4higkeiten erlernt, durch das Werk bewegt. Er mu\u00df also nicht nur phantasievoll assoziieren, sondern ebenso phantasievoll dissoziieren, also Bedeutungen an- und abkoppeln k\u00f6nnen, um sich immer wieder neuen Zusammenh\u00e4ngen zu \u00f6ffnen. Und zum Schlu\u00df, der wieder ein Anfang w\u00e4re, m\u00fc\u00dfte er dem Werk mit der nichtresignativen Gelassenheit gegen\u00fcbertreten k\u00f6nnen, auf eine endg\u00fcltige Eindeutung des Werkes verzichten zu m\u00fcssen (zu d\u00fcrfen).<br><br>Wir haben die Erfahrung &#8211; dazu braucht man sich blo\u00df z.B. eines der niederl\u00e4ndischen Fr\u00fcchtestilleben des 17. Jahrhunderts anzusehen-, da\u00df Bilder nicht nur den Augensinn ansprechen. Sie k\u00f6nnen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, sie k\u00f6nnen Kl\u00e4nge und Ger\u00fcche entstehen lassen, haptische Stromst\u00f6\u00dfe in die Fingerspitzen schicken, die Haut sich zusammenziehen lassen. Die k\u00fcnstlerischen Arbeiten von Michael D\u00f6rner sprechen den Betrachter nicht nur auf diese, also alle Sinne aktivierende Weise, an, sondern organisieren diesen Wahrnehmungsproze\u00df bewu\u00dft und in Zusammenarbeit mit dem Betrachter. Dabei r\u00fccken sie ihm zugleich auf die Pelle und holen ihn dort ab, wo er am meisten zuhause ist, n\u00e4mlich zuhause. Sie arbeiten mit einem gesellschaftlichen Sachverhalt, der unser individuelles Lebens nachhaltig bestimmt, n\u00e4mlich dem Umstand, da\u00df die Grenzen zwischen den privaten und den \u00f6ffentlichen Sph\u00e4ren sich immer mehr verwischen und schon nahezu verschwunden sind. &#8222;1.97&#8220; k\u00f6nnte man auch als ein &#8222;Denkmal&#8220; bezeichnen, das aus K\u00fcche, Bad und Wohnzimmer in die \u00d6ffentlichkeit eines Stadtplanungsmodells hineinragt und andererseits die Idee eines Stadtplanungsmodells auf Wohnlichkeit zur\u00fcckf\u00fchrt (Der Architekt hat das Kochen nicht verlernt und versteht sich auch als Genu\u00dfproduzent). Wenn man die k\u00fcnstlerischen Arbeiten von Michael D\u00f6rner als Modelle betrachten will, ist es wichtig, sie als kritische Modelle zu verstehen. Sie verbildlichen Verluste sinnlicher Qualit\u00e4ten in der gesellschaftlichen Organisation unsrer Arbeits- und Lebenswelten. Insofern thematisieren sie auch ein aktuelles Problem \u00e4sthetischer Wahrnehmung und der Rezeption von Kunstwerken. Manchmal verwendet Michael D\u00f6rner f\u00fcr seine Wandarbeiten alte Tapeten, vor deren Grundmuster die Bilder und Objekte erscheinen, so z.B. bei \u201c5.97\u201d und \u201c8.97\u201d. Die Tapeten verklammern D\u00f6rners Bilder und Objekte nicht nur mit der Anmutung von Wohnlichkeit, sondern auch mit einem zeitlich-historischen Aspekt, n\u00e4mlich dem der Verfallszeiten von Mustern und Moden.<br><br>Die Schwellenangst vor dem Eintritt in Kunstausstellungsr\u00e4ume k\u00f6nnte mitbedingt sein durch den \u00dcbergang von \u00e4sthetisch d\u00fcrftigen in \u00e4sthetisch reiche und anspruchsvolle R\u00e4ume. Die k\u00fcnstlerischen Arbeiten von Michael D\u00f6rner stellen sich der \u00e4sthetischen Verarmung nicht entgegen, sondern akzeptieren sie als eine Ausgangsbasis f\u00fcr Kunstproduktion und verkn\u00fcpfen sie mit der Strategie einer Anreicherung. Der Auftritt einer Lasagne-Nudelplatte in einem Bildobjekt (z.B. &#8222;6.93&#8220;) ist sich zwar ihrer dadaistischen Verwandtschaft bewu\u00dft, agiert jedoch im Drama mit \u00e4u\u00dferster, auf Beobachtung basierender gestischer Genauigkeit und Ernsthaftigkeit, ohne in tragischem Lamento zu verkochen, also al dente wie Hamlet.<br><br>Fast hatten wir ja verlernt, nein, wir hatten es schon und tun es t\u00e4glich von neuem, da\u00df Kunstbetrachtung zugleich Spa\u00df und Arbeit machen kann. Nat\u00fcrlich rei\u00dfen uns Michael D\u00f6rners Werke da nicht aufeinmal heraus, sie m\u00fc\u00dften denn eine Revolution ausl\u00f6sen k\u00f6nnen (was sie tendenziell auch wollen, das macht sie so eminent politisch), doch bieten sie immerhin einen Weg an und zeigen ihn: &#8222;1.97&#8220;&#8230; &#8222;8.98&#8220; &#8230; &#8222;5.00&#8220; &#8230; &#8222;10.11&#8220; &#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Material und Sprache in den neueren Arbeiten von Michael D\u00f6rner Dr. Knut Nievers, 1998 In unsere Kunstbetrachtung hat sich die schlechte Angewohnheit eingenistet, zumindest mit dem zweiten Blick nach dem Titel des Kunstwerkes zu schauen, nat\u00fcrlich in der Erwartung, dort Aufschlu\u00df \u00fcber die Bedeutung zu erhalten. 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