{"id":97,"date":"2003-01-25T21:57:37","date_gmt":"2003-01-25T20:57:37","guid":{"rendered":"https:\/\/michaeldoerner.de\/?p=97"},"modified":"2021-03-22T17:43:36","modified_gmt":"2021-03-22T16:43:36","slug":"eine-andere-ordnung-der-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/text\/texte\/eine-andere-ordnung-der-dinge\/","title":{"rendered":"Eine andere Ordnung der Dinge"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Sprache mit den Materialien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Veronika Sch\u00f6ne, 2003<\/p>\n\n\n\n<p>Heimlich. So hei\u00dft der Titel der Ausstellung. Das klingt ganz nach heimelig, anheimelnd. Nach Nestw\u00e4rme, Schutzzone, nach einer Wohnung, einem Heim. Und tats\u00e4chlich hat Michael D\u00f6rner ein Haus gebaut, ein Spiegelkabinett seiner Kunst, das kein geringeres Thema hat als die Kunst selbst. In dem Ma\u00dfe, wie wir in das Innere des Hauses, in die subjektive Welt des K\u00fcnstlers eintauchen, werden wir zum Zeugen seiner Frage nach dem, was Kunst sein kann. Ist es das, was wir sehen oder das, was wir erkl\u00e4ren k\u00f6nnen?\u00a0Oder anders gefragt: k\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt sehen, was wir erkl\u00e4ren k\u00f6nnen und erkl\u00e4ren, was wir sehen?\u00a0Entsprechen Sprache und Sehen einander? Lassen sich die Dinge so einfach auf einen Begriff bringen? Oder ist das Kunstwerk nicht doch mehr als die Summe seiner Teile? Der K\u00fcnstler fordert uns auf, die Schwelle zu \u00fcbertreten und die Kunst nicht mehr nur von au\u00dfen zu betrachten, sondern von innen zu erleben. Der Hausherr hat verschiedene R\u00e4ume eingerichtet: Es gibt eine Art Wohnzimmer mit einem Fernseher und einem Aquarium, einem gro\u00dfen Tisch, einem schrankartigen M\u00f6bel, eine Art Schlafzimmer mit einer H\u00e4ngematte zum Ausruhen, ein Art Esszimmer und schlie\u00dflich eine Toilette. Kein Raum ist wirklich zuzuordnen, die M\u00f6bel sprechen weder die Sprache eindeutig wieder erkennbarer Funktionalit\u00e4t noch diejenige reiner, \u201ezweckfreier\u201c Kunst. Das Haus, das von au\u00dfen so normal wirkt, stiftet Verwirrung mit seinem Irrgarten semantischer Uneindeutigkeiten. Das anheimelnde \u201eHeimliche\u201c wird heimlich noch in einem anderen Sinne: man bekommt das Gef\u00fchl, es versteckt sich etwas hinter dem \u00e4u\u00dferen Schein, etwas, was man nicht greifen kann, weil man es nicht zuordnen kann. Oder besser gesagt: es wird unheimlich, weil Michael D\u00f6rner die gewohnten Zusammenh\u00e4nge von Erscheinungsform und tats\u00e4chlicher Funktion aufl\u00f6st und damit den Besucher in ein Reich der Scheinwelten und Trugschl\u00fcsse entl\u00e4sst, die sein kopfgesteuertes Verstehenwollen, sein Bestreben, alles in Begriffen erkl\u00e4rbar und damit auch beherrschbar zu machen, permanent frustrieren.<br><br>D\u00f6rner erreicht diesen intellektuellen Juckreiz, indem er Formen und Materialien gegeneinander verschiebt. Ihre jeweils angestammten Bedeutungen verweisen auf einen anderen Zusammenhang, wodurch sich eine Kontextverschiebung ergibt, die ihrerseits wiederum diese Bedeutungen in Frage stellt &#8211; ein mehrfach gebrochener De- und Umcodierungsprozess, der parallel sowohl auf formaler wie auf materieller Ebene stattfindet. Das Fruchtgummi beispielsweise verwendet D\u00f6rner in vielerlei Gestalt und unterschiedlichen Kontexten. Er formt daraus Kleider, K\u00f6pfe, tr\u00f6pfelt es auf Tische und baut ganze futuristisch anmutende Stadtmodelle. F\u00fcr letzteres hat D\u00f6rner Fruchtgummi in die verlorenen Formen von Keksverpackungen gegossen, die eigentlich keine gestaltgebende, sondern lediglich sch\u00fctzende Funktion haben. Indem D\u00f6rner also das Verh\u00e4ltnis von Verpackung und Gegenstand umkehrt und aus der Verpackung, der Um-Form, den prim\u00e4ren Gegenstand, die Form, macht, erreicht er bereits eine erste Verschiebung und irritiert unsere Wahrnehmung: wir k\u00f6nnen die Form nicht zuordnen, weil sie nicht mehr auf ihre urspr\u00fcngliche (Verpackungs-) Funktion verweist. Diese solcherma\u00dfen ihrer Bedeutung entleerten, decodierten Elemente ordnet er achsial so an, dass sie in einem zweiten Schritt als Stadtmodelle lesbar werden, f\u00fcr den man jedoch eher Plastik als Werkstoff denn Fruchtgummi vermuten w\u00fcrde. Der Tisch hingegen verweist auf einen Essenskontext und erm\u00f6glicht damit auf einer dritten Ebene die Wiedererkennbarkeit der Elemente als Fruchtgummis \u2013 was nicht zuletzt auch an ihrer typischen F\u00e4rbung und einem leisen s\u00fc\u00dflichen Geruch liegt.<br><br>D\u00f6rner destabilisiert die gewohnte Ordnung der Dinge nicht einfach nur, indem er sie verstreut oder durcheinander wirft \u2013 was die Unordnung nur mit der Unordnung illustrieren w\u00fcrde \u2013 sondern indem er die Ordnung mit der Ordnung durcheinander bringt, eine Regel mit einer anderen durchkreuzt, eine Sprache mit einer anderen aufbricht: die Sprache der Materialien mit der der Formen. D\u00f6rner l\u00e4sst die Formen und Materialien auch nicht einfach aneinander vorbei sprechen, sondern miteinander, er setzt sie in ein Spannungsverh\u00e4ltnis zueinander, das auf Analogien beruht und \u00fcber diese Analogien Assoziationsr\u00e4ume er\u00f6ffnet, die jenseits fest gef\u00fcgter Bedeutungsmuster und Zuordnungen von Formen und Materialien liegen. Diese Analogien werden weniger durch die tats\u00e4chlichen Materialit\u00e4ten erm\u00f6glicht als vielmehr durch die Eigenschaften, wie insbesondere die Transluzenz, die Fruchtgummi, Glas, Wasser, Seeanemonen und Bernstein miteinander verbindet. Neben die durchschimmernde Seeanemone beispielsweise hat D\u00f6rner ins Aquarium ein sich an vegetabilen Formen orientierendes Glasgef\u00e4\u00df gelegt und befragt \u00fcber diese Analogie von Form und Materialeigenschaft die Definitionen und Begriffsbildungen &#8211; und damit letztlich die Konstitution von Bedeutung dieser beiden grundlegend verschiedenen, der Natur und der Kunst zugeh\u00f6rigen Gegenst\u00e4nde. Die Doppelscheiben des Schrankes hat er mit Fruchtgummi ausgegossen, das seinerseits Bernstein umschlie\u00dft, der wiederum Insekten enth\u00e4lt. Dieser Schrank birgt so etwas wie das k\u00fcnstlerische Programm Michael D\u00f6rners: ein Setzkasten der Dinge, eine Art Wunderkammer der Kunst, der Natur und der Kultur, die er ineinander verschr\u00e4nkt und damit die bekannte Ordnung der Dinge geh\u00f6rig durcheinander wirbelt. Die Transluzenz legt buchst\u00e4blich die unterschiedlichen Ebenen einer Arch\u00e4ologie der Begriffshierarchien offen, die sich von dem Haus als gr\u00f6\u00dftem Beh\u00e4ltnis \u00fcber Aquarium und Schrank bis in die Strukturen und Muster hinein fortsetzt, die das Haus als unentwirrbarer Teppich wie ein Horror Vacui \u00fcberziehen. Sie erm\u00f6glicht den Blick auf eine andere Ordnung der Dinge, die zwar durchsichtig, jedoch mit unserem begrifflichen Instrumentarium nicht durchschaubar ist.<br><br>Hinter der Transluzenz tritt die tats\u00e4chliche Materialit\u00e4t zur\u00fcck, das Licht entmaterialisiert die Materialien geradezu und wird damit zum konstitutiven Bestandteil der Werke, die nicht mehr nur von au\u00dfen beleuchtet werden, sondern von innen erleuchtet \u2013 eine nahezu metaphorische Umsetzung der Erleuchtung, der \u201eIllumination\u201c, die man besser noch mit Ein-Leuchtung \u00fcbersetzen kann. Ein-leuchtend wird die Welt jedoch nicht nur durch die Begriffe, in die wir sie zu fassen versuchen, sondern auch durch andere Weisen der Wahrnehmung. Die im Italienischen \u201eilluminismo\u201c genannte Aufkl\u00e4rung als Inbegriff geistiger Weltdurchdringung und rationalen Verstehens findet in dem hohlen Kopf ihr Sinnbild, der umgekehrt in einem mit Fruchtgummi ausgegossenen Glasgef\u00e4\u00df wie ein medizinisches Pr\u00e4parat gleichsam schwimmt und dem eine andere, unmittelbar sinnliche Form der Weltaneignung und des Be-Greifens gegen\u00fcbersteht: das den Betrachtern zum Essen angebotene Fruchtgummi. Den Kopf als Gef\u00e4\u00df der Gehirns, des Zentrums der Weltaneignung durch Begriffsbildung hat D\u00f6rner entleert und die besonders in der Aufkl\u00e4rung geradezu kanonisierten Wahrnehmungs- und Verstehenskategorien in seinem Haus gr\u00fcndlich durcheinander gebracht und in Frage gestellt. Er muss neu gef\u00fcllt werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sprache mit den Materialien Veronika Sch\u00f6ne, 2003 Heimlich. So hei\u00dft der Titel der Ausstellung. Das klingt ganz nach heimelig, anheimelnd. Nach Nestw\u00e4rme, Schutzzone, nach einer Wohnung, einem Heim. Und tats\u00e4chlich hat Michael D\u00f6rner ein Haus gebaut, ein Spiegelkabinett seiner Kunst, das kein geringeres Thema hat als die Kunst selbst. 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