{"id":93,"date":"2003-01-25T21:55:43","date_gmt":"2003-01-25T20:55:43","guid":{"rendered":"https:\/\/michaeldoerner.de\/?p=93"},"modified":"2021-03-22T17:44:12","modified_gmt":"2021-03-22T16:44:12","slug":"heimlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/text\/texte\/heimlich\/","title":{"rendered":"Heimlich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Philippe van Cauteren, Direktor am S.M.A.K. Stedeljik Museum voor Actuele Kunst in Gent, Belgien, Hamburg, 3. Juni 2003<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Bolisch,<br>es geschieht nicht jeden Tag, dass ich nach einer Ausstellungser\u00f6ffnung mit einem s\u00fc\u00dfen Geschmack im Mund nach Hause zur\u00fcckkehre. Deine Ausstellung heimlich im art kite museum in Detmold ist so gesehen eine Ausnahme. Mehrere Male habe ich von den Fruchtgummi-Kleidern abgebissen, die von zwei Models bei der Er\u00f6ffnung im Museum getragen wurden. Danach habe ich meinen Appetit an den mit Fruchtgummi gef\u00fcllten Tischen in Deinem Haus gestillt.\u00a0Es hat mich \u00fcberrascht, ein Haus \u2013 der Traum eines jeden Mannes \u2013 mitten in diesem Museum zu sehen.\u00a0Das Museum wurde zu Deinem Garten und das Haus zu Deiner Galerie. Jetzt, da ich \u00fcber Wohnen und Verdauen spreche \u2013 wei\u00dft Du eigentlich, dass es in Belgien das Sprichwort gibt: \u201eJeder Mann wird mit einem Ziegel im Magen geboren\u201c? Der franz\u00f6sische Philosoph Gaston Bachelard nannte das Haus in seinem Buch Die Poesie des Raumes unser erstes Universum, unseren Kosmos. Aber es ist nicht das erste Mal, dass Du \u201eDeinen Kosmos\u201c auf eine Lebenssituation anwendest. In Deiner Ausstellung im Elbschloss in Hamburg (1997) hast Du Dich entschieden, alle privaten R\u00e4ume dieses noblen Hauses zu nutzen. Du hast N\u00e4he zwischen dem Besucher und den Objekten geschaffen und Distanz zwischen \u00d6ffentlichem und Privatem g\u00e4nzlich abgelehnt.<br><br>Der Ausstellungskatalog bezeugt, dass f\u00fcr Dich Kunst prinzipiell das Angebot einer Dienstleistung bedeutet, vielleicht sogar eine Art Sozialarbeit. Das erinnert mich direkt an die Arbeiten des kubanischen K\u00fcnstlers Ren\u00e9 Francisco. Er ist im Moment in Havanna damit besch\u00e4ftigt, H\u00e4user alter und verarmter Menschen zu renovieren. Indem der K\u00fcnstler die Lebensbedingungen dieser bed\u00fcrftigen Personen verbessert, hinterfragt Ren\u00e9 Francisco nicht nur Kunst, Avantgarde und ein ideologisch skrupelloses System, sondern hilft diesen Leuten ganz direkt. Wenn man aber im Gegensatz dazu \u00fcber Deine Kunst als Sozial- Arbeit spricht, kann das auf einer g\u00e4nzlich anderen Ebene bewertet werden. Du bietest mit der komplexen Dimension Deiner Arbeiten und dem mehrdeutigen Gebrauch von Materialien und Quellen eine kritische Darlegung \u00fcber Kommunikation und Wahrnehmung.<br><br>Deine Dienstleistung begr\u00fcndet sich in der Bereitstellung von Situationen der Subversion f\u00fcr den Betrachter \u00fcber Kunst im allgemeinen und Deiner Arbeit im besonderen. Die Objekte, Materialien, Installationen, Konstellationen scheinen nie das zu sein, was sie vorgeben zu sein. Wie ein Alchemist mischst und vermischst Du Inhaltstoffe und \u00fcberschreitest Grenzen. Das Allt\u00e4gliche findet sich in der Halluzination von Formen, Farben, Strukturen, Mustern und Bedeutungen. Und vice versa. Eine Ausstellung fixiert den Moment des Materials und der konzeptuellen M\u00f6glichkeiten. Doch ich muss Dir sagen, dass mich etwas in Zusammenhang mit Deinen Materialien verwundert. Viele Leute reduzieren oder fixieren Dich auf die lustig bunte Substanz mit dem Namen Gelatine. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten von uns S\u00fc\u00dfigkeiten mit netten sch\u00f6nen Erinnerungen an unsere Kindheit verbinden. Ich jedoch verbinde etwas anderes mit Deinem Gebrauch dieser Materialien. Wenn man zum Beispiel an Gelatine, Murano- Glas und Bernstein denkt \u2013 und selbst die Anemonen aus dem Haus in Detmold beif\u00fcgt \u2013, kann dies in zwei Elementen charakterisiert werden. Zuerst einmal k\u00f6nnen sie als nat\u00fcrlich \u201egefundene\u201c Elemente beschrieben werden \u2013 Bernstein ist \u00fcberdies sogar \u00e4lter als die Zivilisation. Zweitens durchliefen sie alle den Prozess von einem fl\u00fcssigen in einen festen Zustand, eine Art Petrifikation. Sie schlie\u00dfen ein, halten und fixieren. Sie sind Formen oder werden geformt. Auch wenn Du sie als Ready-made\u2019 mit skulpturalen Eigenschaften wie Transparenz, Flexibilit\u00e4t, Weichheit etc. siehst, existiert die angedeutete Verbindung zwischen nat\u00fcrlichen und kulturellen Prozessen. Das Murano zum Beispiel, als ein barocker gefrorener Moment der Zeit, ist f\u00fcr mich in der Kombination mit dem menschlichen Sch\u00e4del ein Abbild zeitgen\u00f6ssischer Vanitas. Ein Altar der Sterblichkeit. Die Blumen fehlen, aber nicht die Erinnerung an die K\u00fcnstler der Stilleben des 17. Jahrhunderts wie zum Beispiel Willem Claesz.Heda. Und es ist keine Zufall, dass ich die K\u00fcnstler dieser \u00c4ra erw\u00e4hne. K\u00fcnstler wie David Teniers, Jeroen Brouwers, Johannes Vermeer sind Meister der sogenannten Interieur-Gem\u00e4lde. Das Individuum umgeben von delikaten Objekten in dem begrenzten Raum eines Zimmers oder einer Bar. Die Objekte als Codes f\u00fcr eine t\u00e4gliche oder symbolische Reihenfolge.<br><br>Das Haus von heimlich ist voller Kunstwerke und Requisiten, zwischen denen der Besucher umherl\u00e4uft. Die Transparenz der Materialien spiegelt nicht im mindesten die Transparenz ihrer Bedeutung. Die Material-konstellationen sind \u201etrompe l\u2019oeuil\u201c \u00fcber Wirklichkeit und Kunst. Tapeten werden Malereien und Sch\u00e4del wirkliche Skulpturen (oder Beh\u00e4ltnisse f\u00fcr Gedanken). In manchen Momenten erinnern mich Deine k\u00fcnstlerischen Arbeiten an eine virtuelle Heirat zwischen Edward Kienholz und Robert Rauschenberg. Und hiermit werfe ich Dich weder kunsthistorische f\u00fcnfzig Jahre zur\u00fcck, noch limitiere ich Deine Aussagen. Ich beschreibe so Deine Auseinandersetzung mit Raum und Interieur, Dekoration und Funktionalit\u00e4t, Banalit\u00e4t und Intellekt, Gourmandise und Geschmack. Zwischen Sushi und Bratwurst mit Kartoffeln. W\u00e4hrend Kienholz und Rauschenberg ihre Arbeit teilweise als direkte Antwort auf die vorherrschende malerische Tradition des abstrakten Expressionismus formulierten, ist Deine Arbeit die Antwort auf unsere eingefrorenen t\u00e4glichen Gewohnheiten in unserem Leben und in unserer Wahrnehmung. Kunst sollte zum Beispiel nie aufgegessen werden. Aber in Detmold hat sie mir gut geschmeckt.<br><br>Herzlichst,<br>Philippi<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philippe van Cauteren, Direktor am S.M.A.K. Stedeljik Museum voor Actuele Kunst in Gent, Belgien, Hamburg, 3. Juni 2003 Lieber Bolisch,es geschieht nicht jeden Tag, dass ich nach einer Ausstellungser\u00f6ffnung mit einem s\u00fc\u00dfen Geschmack im Mund nach Hause zur\u00fcckkehre. Deine Ausstellung heimlich im art kite museum in Detmold ist so gesehen eine Ausnahme. 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