{"id":85,"date":"2004-01-25T21:14:54","date_gmt":"2004-01-25T20:14:54","guid":{"rendered":"https:\/\/michaeldoerner.de\/?p=85"},"modified":"2021-03-22T17:43:28","modified_gmt":"2021-03-22T16:43:28","slug":"innen-aussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/text\/texte\/innen-aussen\/","title":{"rendered":"Innen\/Au\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig Seyfarth, 2004<br><br>Es ist nicht einfach, die vielf\u00e4ltige k\u00fcnstlerische Aktivit\u00e4t Michael D\u00f6rners auf einen Nenner zu bringen. Er malt, gestaltet Objekte aus unterschiedlichsten Materialien, richtet ganze H\u00e4user ein oder bittet verschiedene Personen zu Tisch, um von ihm zubereitete Mahlzeiten einzunehmen, was letztlich hei\u00dft, Kunst zu essen.<br><br>Es gibt stets unterschiedliche Arten, D\u00f6rner Kunst zu betrachten oder mit ihr umzugehen. Auch einen griffigen, sofort wieder erkennbaren D\u00f6rner-Stil sucht man vergebens. Bestimmte einzelne Stilelemente oder Materialien als Markenzeichen auszumachen, w\u00e4re vorschnell. Gleichwohl gibt es Dinge, die wiederholt auftreten und einen gewissen Identifikationseffekt erzielen: etwa Tapetenmuster aus den sechziger Jahren, die D\u00f6rner in Gem\u00e4lden oder Rauminstallationen zitiert, oder das ungew\u00f6hnliche Material Fruchtgummi, aus dem essbare oder nicht-essbare Objekte entstehen.<br><br>Das unmittelbar Sichtbare, vor Augen oder auf dem Gaumen Liegende ist bei D\u00f6rner jedoch stets nur der Anker oder K\u00f6der,\u00a0um die Betrachter oder mit anderen Sinnen beteiligten Rezipienten in ein Spiel mit den Fallen der Wahrnehmung und der scheinbaren Identit\u00e4t der Dinge zu verwickeln. Dass die Dinge nicht sind, was sie zu sein scheinen, kommt besonders in D\u00f6rners Verwendung des Materials zum Ausdruck, die kontr\u00e4rer zum klassisch modernen Diktum des \u201eform follows function\u201c nicht stehen k\u00f6nnte. Aus Sicht einer Auffassung von Materialgerechtigkeit mag sein Einsatz ungewohnter Kunst-Stoffe geradezu bizarr anmuten. Denn er t\u00e4uscht bisweilen nicht nur das Auge bewusst dar\u00fcber, um welches Material es sich handelt, sondern bezieht, wie schon gesagt, auch andere, in der Kunst gew\u00f6hnlich nicht direkt angesprochene Sinne wie den Geschmack ein. Wer an einer \u201eEssensperformance\u201c D\u00f6rners teilnimmt, wird zun\u00e4chst erhebliche M\u00fche, eine klare, helle Br\u00fche als Tomatensuppe zu identifizieren oder in Fruchtgummi eingelassenes Fleisch nicht als S\u00fc\u00dfstoff zu empfinden. Weil wir das was wir sehen, und das was wir schmecken, was wir mit den H\u00e4nden f\u00fchlen oder was wir h\u00f6ren, gewohnheitsm\u00e4\u00dfig in fest eincodierte, eingefleischte Beziehungen gebracht haben, stellen die sensuellen Erfahrungen, die D\u00f6rner uns vermittelt, unsere Erwartungen v\u00f6llig auf den Kopf. Die Macht der Gewohnheit, gegen die \u201eSinnest\u00e4uschungen\u201c angehen, beherrscht aber auch unsere Wahrnehmung von Dingen generell. Wir schlie\u00dfen von dem, was wir sehen, auf das, was \u201eist\u201c. Die Identit\u00e4t der Dingwelt ist in postmodernen Zeiten \u00e4hnlich dekonstruierend problematisiert worden wie die Identit\u00e4t der Person, des Ego. In der Kunst stehen daf\u00fcr Namen wie Richard Artschwager oder Franz West, deren dreidimensionale Objekte in keine herk\u00f6mmliche Kategorie passen: sind es M\u00f6bel, Skulpturen, oder nicht doch etwas v\u00f6llig anderes? Auch Michael D\u00f6rners Objekte sind stets auf verschiedenen Ebenen erfahr- und interpretierbar. Ein Tisch, an dem man sitzen und essen kann, ist gleichzeitig eine Skulptur in einem raumf\u00fcllenden Ensemble anderer Gegenst\u00e4nden, die St\u00fchle, Schr\u00e4nke, Teller oder Vasen sein k\u00f6nnen, aber nicht zwingend sein m\u00fcssen. H\u00e4ngt die Identit\u00e4t der Dinge nicht auch von der Weise ihres Gebrauchs ab?<br><br>Im Sommer 2003 stellte D\u00f6rner ein ganzes von ihm eingerichtetes Einfamilien-Fertighaus in eine Ausstellungshalle hinein (im Art Kite Museum in Detmold, Ostwestfalen). Einige Besucher \u201erealisierten\u201c die dort installierte Toilette als Gebrauchsgegenstand und verkannten oder setzten sich provokant dar\u00fcber hinweg, dass eine wirkliche Toilette auch \u00fcber ein, hier nicht vorhandenes, System zur Entsorgung der Notdurft verf\u00fcgt. Dass sie damit implizit auch Duchamps fast neunzig Jahre alte Tat konterkarierten, ein Urinoir auf dem Kaufhaus in einen Ausstellungskontext zu versetzen, d\u00fcrfte den frechen Pinklern kaum bewusst gewesen sein. Die Identit\u00e4t der Dinge steht also schon l\u00e4nger in Frage. Zur gleichen Zeit, als Duchamp seine ersten Ready mades ausstellte, formuliert der russische Schriftsteller und Theoretiker Viktor Sklovskij ein k\u00fcnstlerisches Programm, auf das sich D\u00f6rners Einsatz gegen die Gewohnheit immer noch berufen k\u00f6nnte:<br><br>\u201eUm f\u00fcr uns die Wahrnehmung des Lebens wiederherzustellen, die Dinge f\u00fchlbar, den Stein steinig zu machen, gibt es das, was wir Kunst nennen. Das Ziel der Kunst ist, uns ein Empfinden f\u00fcr das Ding zu geben, ein Empfinden, das Sehen und nicht nur Wiedererkennen ist. Dabei benutzt die Kunst zwei Kunstgriffe: die Verfremdung der Dinge und die Kompliziertheit der Form, um die Wahrnehmung zu erschweren und ihre Dauer zu verl\u00e4ngern. Denn in der Kunst ist der Wahrnehmungsprozess ein Ziel in sich und muss verl\u00e4ngert werden. Die Kunst ist ein Mittel, das Werden eines Dings zu erleben, das schon Gewordene ist f\u00fcr die Kunst unwichtig.\u201c<br><br>Das Werden der Dinge erleben &#8211; auch das k\u00f6nnte sich Michael D\u00f6rner auf die Fahnen schreiben.<br><br>Gerade weil sie die ungewohnte Weise, in der sie entstehen, auf den ersten Blick verbergen, machen sie die Frage danach virulent. Wer denkt beim Betrachten einer Bronzeskulptur noch an die H\u00fclle, die \u201everlorene\u201c Form, die sie umgab, als sie gegossen wurde? Die Trinkbecher, S\u00fc\u00dfigkeitenverpackungen, Seifenschalen, M\u00fclleimerdeckel und anderen Beh\u00e4lter, deren Inneres zur Au\u00dfenform der \u201eH\u00e4user\u201c wird, aus denen D\u00f6rner ganze kleine Fruchtgummi-\u201eSt\u00e4dte\u201c errichtet, bleiben auf ganz andere im Bewusstsein. Schlie\u00dflich folgt hier nicht die \u00e4u\u00dfere Form dem Entwurf des Bildhauer, sondern die vorgefundenen Gef\u00e4\u00dfe pr\u00e4gen den Objekten ihre \u00e4u\u00dfere Gestalt auf, t\u00e4towieren sie mit Einbuchtungen und Rippen, \u00e4hnlich wie die Plastikformen, mit denen Kinder \u201eKuchen\u201c backen oder ganze kleine St\u00e4dte im Sandkasten bauen.<br><br>Mit seinen Fruchtgummi-Bauten legt D\u00f6rner auch die Frage nahe, ob Architekturmodelle ihren kulturellen Ursprung vielleicht im Sandkastenspiel unserer entfernten Vorfahren, im Modellieren von Formen aus verg\u00e4nglichem Material haben. Vor allem aber manifestiert sich in der Entstehung der &#8211; des \u00d6fteren wie Parodien modernistischer Kl\u00f6tze oder postmoderner Stilverwirrungen wirkenden &#8211; architektonischen Fruchtobjekte eine bewusste Ambivalenz von Innen und Au\u00dfen. Dass Innen\/Au\u00dfen auch privat\/\u00f6ffentlich, Kunstwelt\/au\u00dferhalb der Kunst bedeutet, ist ein Leitfaden, der Michael D\u00f6rners Werk ebenso durchzieht wie das Tr\u00fcgerische des ersten sinnlichen Eindrucks. Dass die Erscheinungsform der Dinge nur das \u201e\u00c4u\u00dfere\u201c ist, dass es aber auf das Innere ankommt, ist ein alter philosophischer Topos, den Oscar Wilde Ende des 19. Jahrhunderts frivol umkehrte: Nur oberfl\u00e4chliche Menschen gehen NICHT nach dem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild. Vielleicht braucht es einen raffinierten Tiefsinn wie den Oscar Wildes, um D\u00f6rners komplexes Spiel mit der \u00e4sthetischen Oberfl\u00e4che wirklich zu entwirren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Seyfarth, 2004 Es ist nicht einfach, die vielf\u00e4ltige k\u00fcnstlerische Aktivit\u00e4t Michael D\u00f6rners auf einen Nenner zu bringen. 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