{"id":82,"date":"2007-01-25T21:09:27","date_gmt":"2007-01-25T20:09:27","guid":{"rendered":"https:\/\/michaeldoerner.de\/?p=82"},"modified":"2021-03-22T17:43:20","modified_gmt":"2021-03-22T16:43:20","slug":"laudatio-fuer-michael-doerner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/text\/texte\/laudatio-fuer-michael-doerner\/","title":{"rendered":"Laudatio f\u00fcr Michael D\u00f6rner"},"content":{"rendered":"<p><strong>zum Edwin Scharff-Preis 2006 der Freien u. Hansestadt Hamburg<br>Preisverleihung am 24. September 2007, Nordhalle der Deichtorhallen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gunnar F. Gerlach<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Michael \u2013 Bolisch &#8211;<br>eine Laudatio \u00fcber ein so umfangreiches, vielgestaltiges und reflektiertes Werk, wie es das von Michael D\u00f6rner gl\u00fccklicherweise darstellt, in 5 Minuten zu halten, ist nicht nur unter einem Angemessenheits- und Gerechtigkeits-Aspekt eine schwierige Aufgabe. Der umfangreichen Veranstaltung des heutigen abends gestundet, habe ich mich deshalb dazu entschlossen, die konventionelle Form des kunstwissenschaftlich reflektierten Rede aufzul\u00f6sen und mich f\u00fcr die Form des pers\u00f6nlichen Briefes mit \u00f6ffentlicher Lausch-Angriffs-Erlaubnis entschieden.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Mein lieber Michael,<br>verbunden mit meinen allerherzlichsten, freundschaftlichen Gl\u00fcckw\u00fcnschen m\u00f6chte ich versuchen in gebotener Ver-K\u00fcrzung bestimmte wesentliche Aspekte Deiner Arbeit in Erinnerung zu rufen, die auch mir stetige Anregung und Reflektions-Koinzidenz zu weiteren Arbeit waren und sind. Ein Gedanke von Edgar Wind in \u201eKunst und Anarchie\u201c scheint dabei auf:<br><a>\u201e<\/a>Widerspruchsgeist und Unzufriedenheit standen von jeher den K\u00fcnsten nicht feindlich gegen\u00fcber, sondern begleiteten sie wie Schutzgeister\u00a0&#8230; Wer sich im Leben nichts H\u00f6heres zu w\u00fcnschen vermag als seine Ruhe, der tut gut daran, sich nicht mit Kunst zu befassen.\u201c<br><br>In diesem Sinne hast Du dir wirklich alle M\u00fche gegeben kaum eine gestaltete Form, Kategorie, Gattung oder Reflektion unbefragt zu lassen: Befreiung durch Befragung. Es scheint mir eine unentfremdete Koexistenz von Mentalit\u00e4t, Verm\u00f6gen und reflektierter Gestaltungs-Kraft zu sein, die Dich pr\u00e4gt als Grenz-Wahrnehmer, Grenzen befragender, aufl\u00f6sender (ja, sprengender) und neu-Ersteller aus auch ethischen und \u00e4sthetischen Notwendigkeiten. Hilfreich bei diesem weit \u00fcber \u00e4sthetische und akademische Grenzungen hinausweisende Methode war dabei sicher auch das durch Deinen HfbK-Lehrer vermittelte Wissen \u2013 des von uns beiden gesch\u00e4tzten Franz Erhard Walther. Der Zusammenhang von Material-Bestimmung und Auslotung im Verh\u00e4ltnis zu sinnlich reflektierten Wahrnehmungsformen, die zu (auch sozialen) Handlungen im Raum f\u00fchren und damit auch Haltung dokumentieren: geistig, sinnlich, sozial, politisch und philosophisch.<br><br>Gegen die normativ gebundenen und gefesselten, einseitigen Ordnungssysteme zumeist der herrschenden Moral, die selten die Moral der Herrschenden ist, sind f\u00fcr Dich Bild, Relief, Plastik, Installation, Architektur zudem ein Verweis auf darin zu entbergende Aktions- und Handlungs-M\u00f6glichkeiten, die auch Humor, Spott, Satire und Surrealit\u00e4t vertragen m\u00fcssen: ein in durchschaubares, farbiges Fruchtgummi gegossener Menschenkopf wird bei Dir zur Tischlampe \u2013 verweist auf den Kopf als Ort der Einheit von substanzieller Sinneswahrnehmung und Reflektion und des Nach-denkens als Vor-denken: In der innersten Struktur der Synapsen und Transmitter voller Bewegung, au\u00dfen jedoch in scheinhafter, fester Form. Augen, Ohren, Nase und Mund sind jedoch gestisch begabt und dienen der Kommunikation \u00fcber visuelle und akustische Zeichen. Sinne und Denken k\u00f6nnen sich jedoch untereinander in ihren Erkenntnisformen widersprechen. In Glas und Gummi gearbeitet wird deutlich: das Gehirn, die Tischlampe, leuchtet, weil es sich in Widerspr\u00fcchen und Gegens\u00e4tzen \u2013 auch des Materials &#8211; bewegt. Und dies hei\u00dft auch, mit den Worten von Charles William Morris: \u201e\u00dcberzeugendsein eines Zeichens ist nicht dasselbe wie seine Wahrheit oder Zuverl\u00e4ssigkeit.\u201c<br><br>So, wie wir der Zeichen symbolisch, lieber \u201ebolisch\u201c, bed\u00fcrfen f\u00fcr den sozialen Austausch, braucht Austausch eben auch Zeichen! Du hast dies bei einer unserer Aktionen sinnf\u00e4llig formuliert:\u201c Begriffe manifestieren sich in Dingen und die sind ja aus Material geschaffen&#8230;Begriffe tauchen auf, sind da und doch nicht. Und in dem Moment f\u00e4ngt unser Denken an und Sprache bildet sich.\u201c<br><br>Auf dieser Grenze \u201eZwischen Risiko und Einrichtung\u201c arbeitest Du Bruchlinien heraus, die sich auf elementare sinnes- und geisteserzieherische Aspekte beziehen \u2013 gegen Vor-Urteile und falsche, zumindest befragungsw\u00fcrdige, Normen und Konventionen \u2013 auch im falschen Leben, um dies mit Adorno auszusprechen. Diese Widerspr\u00fcche u.a. zwischen Bild, Gebilde, Geflecht und Sprache und \u00f6konomisch-politischen Bedingungen durch kapitalzweckgebundene Bewertungen verursachen auch \u00fcber den Kunstmarkt einen \u201eZerrspiegel\u201c (M. D\u00f6rner). Eine Deiner gestalterischen Wege diesem Fatalismus zu entkommen sind ritualisierte Formen der Zusammenkunft verschiedener Menschen und Interessensgruppen im Spiel: eine \u00dcberwindung des Dramas der gebrochenen Zeiten, R\u00e4ume und Lebensl\u00e4ufe durch Erstellung von Gegenr\u00e4umen. Heterotopien nannte dies Michel Foucault. In diesem Reich der Gesten und Rituale befinden wir uns zugleich und parallel im Bereich autarker und realer Zeichen: Bildformen, Kl\u00e4nge, physische und psychische Bewegungen werden zusammengegossen und heben die Grenze von Trick, K\u00f6nnen, Kenntnis und Aufrichtigkeit auf. So kann bei Dir das so v\u00f6llig zu unrecht als Prolet-Kult desavouierte Skat- und Fu\u00dfballspiel Kunstform bleiben und wieder werden, genauso wie das Ritual von Speisen- und Tisch-Genossenschaft oder astrologisches forschen mit kathartischem Auff\u00fchrungscharakter. Hier wird zusammengef\u00fcgt, was tats\u00e4chlich zusammengeh\u00f6rt: die Einheit von substanzieller Sinnlichkeit und Reflektion als Bedingung der Wahrnehmung von Widerspr\u00fcchen zu h\u00f6herer, sozialer Erkenntnis und Kompetenz. Dies ist auch eine k\u00fcnstlerische Handlungs- und Haltungsanleitung zum Widerstand gegen verf\u00fchrtes Bewusstsein einer einseitig technoid-instrumentalisierten Vernunft.<br><br>F\u00fcr mich gelingt Dir so eine sinnliche und intelligente Synthese aus Experiment, Erfahrung und einer nach Vorne gedachten k\u00fcnstlerisch-historischen R\u00fcckbesinnung auf die Forderungen hierarchiefreier<br><br>Versuche und Operationen (Eingriffe) seit dem 19.Jh. bis in die Gegenwart: die ins konstruktiv-allt\u00e4gliche hineingelagerte Praxis und Theorie als operierende Ko-Operative zur Aufl\u00f6sung begrenzter Realit\u00e4ten und vermeintlicher Wahrheiten.<br><br>Es ist mir Freude und Ehre zugleich mit Dir sinnlich, reflektorisch und freundschaftlich verbunden sein zu d\u00fcrfen. \u201eCrosstown traffic\u201c von Jimi Hendrix war und ist uns beiden ein wunderbares Weg-Zeichen. Auch durch Deine Weg-Gef\u00e4hrtin und Frau Eva und Eure drei Rasselbanden-Jungs wurde viel erm\u00f6glicht: vor allem denke ich, Durchhalteverm\u00f6gen und Hoffnung in Liebe auch in weniger guten Zeiten.<br><br>Du hast 2006 im Kunstverein G\u00f6ppingen einen gro\u00dfen Regenschirm mir Warburg&#8217;scher Ritual-Kenntnis aufgebaut \u2013 der aus sich selbst heraus regnende Regenschirm. Werk und Katalog sind betitelt \u201eFreut Euch\u201c. Deine Weggef\u00e4hrten tun das sehr. Ich w\u00fcnsch Dir und Deiner Familie in diesem humorig-gedrehten Sinne einen gro\u00dfen SonnenSchirm&#8230;<br><br>Ganz herzlich<br>Dein Gunnar<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zum Edwin Scharff-Preis 2006 der Freien u. Hansestadt HamburgPreisverleihung am 24. September 2007, Nordhalle der Deichtorhallen Gunnar F. 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