{"id":374,"date":"2005-03-17T16:32:27","date_gmt":"2005-03-17T15:32:27","guid":{"rendered":"https:\/\/michaeldoerner.de\/?p=374"},"modified":"2021-03-17T22:40:07","modified_gmt":"2021-03-17T21:40:07","slug":"freut-euch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/arbeiten\/kunst-oeffentlicher-raum\/freut-euch\/","title":{"rendered":"\u201eFreut Euch!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Form zeigt das klassische Modell, das der stilbewusste Mann sich \u00fcber den Arm h\u00e4ngen w\u00fcrde als Geste und Beschw\u00f6rungsformel: Der Regen kann kommen (wenn er nicht schon da ist), ich bin gewappnet. Der Alltagsgegenstand bekommt durch seine monumentale Gr\u00f6\u00dfe eine besondere Wertigkeit, eine andere Dimension und Bedeutung als Bild im \u00f6ffentlichen Raum, mitten auf einem Platz. \u201aPlatz-Regen\u2019, \u201aRegen-Schirm\u2019 \u2013 assoziative Wortverbindungen verf\u00fchren zu Mehrdeutigkeit, zu Widerspr\u00fcchlichkeit, das Bild h\u00e4lt gegen die vertraute Gegenst\u00e4ndlichkeit seine eigene Bedeutung und Bildwirklichkeit offen.<br><br>Erlebt man diese Schirmskulptur als modernen Baldachin, als Bild eines zweiten tragbaren und sch\u00fctzenden Himmels, dann kann es geschehen, dass man unverhofft auch darunter kr\u00e4ftig nass wird. So entpuppt sich dies Bild eines Schirms als Illusion, wird sch\u00f6ner Schein und zur Falle vermeintlicher Verl\u00e4sslichkeit. Genau dann behauptet das Kunstwerk seinen Eigensinn. Einmal mehr tr\u00fcgt der Schein. Mit Humor erfasst man die Groteske, deren Heiterkeit wie den Ernst der Lage. Das Ungesicherte, die Freiheit des Widerspruchs, die Resistenz gegen alle praktische Vereinnahmung zeichnet das Kunstwerk aus. Das Bild ist ein zauberhaftes Gaukelspiel, das Schutz, Vernunft und Sinn beschw\u00f6rt und gleichzeitig au\u00dfer Kraft setzt. F\u00fcr den Betroffenen werden Erwartung und \u00dcberraschung, Lachen und Zorn unter Umst\u00e4nden ganz nahe beieinander liegen. Der Witz des Unverhofften im Bild hebt die Banalit\u00e4t und Biederkeit des wirklichen Regenschirms auf. Auf dem Schirm zitiert Michael D\u00f6rner eine ber\u00fchmte Zeichnung<sup>2<\/sup>. Aby Warburg, einer der Begr\u00fcnder der modernen Kunstgeschichte, war 1896 bei den Pueblo-Indianern (New Mexico, Arizona in den USA). Mit dieser Zeichnung hat f\u00fcr ihn ein indianischer Schamane seine Vorstellung des Kosmos ins Bild gesetzt: Das Weltall ist vorstellbar im Bild eines Hauses, daneben eine irrationale Tiergr\u00f6\u00dfe als r\u00e4tselhafter und gef\u00fcrchteter D\u00e4mon, die Schlange. Dazu muss man wissen, dass die Pueblo-Indianer in D\u00f6rfern mit festen H\u00e4usern leben (Pueblo hei\u00dft in spanischer Sprache \u201aDorf\u2019), in einer kargen, trockenen Landschaft. Regen hat eine besondere Bedeutung. Wenn er kommt, dann eher pl\u00f6tzlich, gewaltsam, mit Blitz und Donner. Das Dach des Welthauses hat einen treppenf\u00f6rmigen Giebel, ist eine durchschnittene Pyramide. Darunter spannt sich ein Regenbogen \u00fcber das ganze Firmament, darunter sehen wir wei\u00dfe und schwarze Regenwolken, darunter in feinen parallelen Strichen den Regen. Die Schlange mit ihrer Zickzack-Gestalt verkn\u00fcpfen die Indianer in ihrem traditionell animistischen Glauben magisch-kausal mit dem Blitz. \u00dcber dem Haus sind solche abstrakten Blitze sichtbar, vergleichbar der Zunge der Schlange in Pfeilform. Ein solches Bild, zusammen mit Gebeten und Ritualen mit lebendigen Schlangen, dient den Indianern zur Beschw\u00f6rung des Regens. Dazu geh\u00f6rt noch der Fetisch, das abstrakte Gottesbild, das auf einem Bogen \u00fcber den Wolken im Welthaus schwebt. Man k\u00f6nnte das Bild in allen seinen Teilen als archetypische Kosmologie ausdeuten: das Treppendach als Auf und Ab des Lebens, die Schlange zugleich als Symbol der Zeit und ihres Rhythmus\u2026 Wesentlich ist: Das Beobachten und Deuten des Himmels ist erf\u00fcllt von Hoffen und Furcht. Wetter bedeutet Segen und Fluch f\u00fcr die Menschen. Das zeigen uns heute in anderer Form die in letzter Zeit immer h\u00e4ufigeren Berichte in den Medien von so genannten \u201eNaturkatastrophen\u201c: eine bunte Mischung von Satellitenbildern, Wetterkarten und Bildern zerst\u00f6rter Zivilisation. Sie vermitteln auch, in welchem Ma\u00dfe wir bis heute dem ausgeliefert sind.<br><br>Im vermeintlichen Gegensatz zum animistischen Weltbild der Pueblo-Indianer haben wir aufgekl\u00e4rte Europ\u00e4er den t\u00e4glichen Wetterbericht, verfasst von Meteorologen mit dem ganzen Instrumentarium hochmoderner Wissenschaft. Die Einladungskarte zur Vorstellung der Skulptur Michael D\u00f6rners zitiert eine mathematische Formel der Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Berechnung der Abweichung zwischen der Vorhersage des Wetters und dessen realen Messungen. Der Wert benennt die Genauigkeit unserer wissenschaftlichen Beherrschung des Wetters. Anders gesagt: Es handelt sich um eine komplizierte, dem Laien unzug\u00e4ngliche Formel f\u00fcr den Moment, den Wert der \u00dcberraschung. Wer zu verstehen sucht, dem stellt sich die Frage: Was ist weniger oder mehr kryptisch, eher einsichtig oder geheimnisvoll, magisch: diese nur hoch spezialisierten Wissenschaftlern zug\u00e4ngliche mathematische Formel und die Bilder der t\u00e4glichen Wettervorhersage im Fernsehen oder das indianische Bild, verbunden mit dem Schlangenritual des indianischen Dorfschamanen? Was haben sie gemeinsam? Beide sind suggestiv, rufen das Vertrauen der Menschen auf den Plan in so etwas wie Wissen. Und beide sind ebenso resistent gegen gesicherte Interpretation. Die Menschheit hat magische Formeln, Rituale, schlussendlich Bilder der Ann\u00e4herung an etwas, was nach wie vor sein Geheimnis birgt. Niemand wei\u00df genau, wann, wie, wo und wie viel es regnet, ob es Fluch oder Segen sein wird.<br><br>Der Regenschirm ist ein praktischer Gegenstand. Wie viel Beschw\u00f6rungsformeln in den Gesten stecken, mit denen man mit ihm umgeht, wird man sich fragen. Welche Bedeutung haben Farben, sein Dekor, nicht zuletzt manches Label darauf\u2026 &#8211; das mag als modernes, heutiges Geheimnis und Frage bewusst werden. So kann man auch ihn als Bild betrachten, was mehr bedeutet als seine praktische N\u00fctzlichkeit. Der \u201eSchirm\u201c von Michael D\u00f6rner, der keiner ist, sondern ein Bild, steht frei zur \u00f6ffentlichen Erfahrung und Debatte. Sein monumentales Bild verhandelt das Thema \u201aRegen\u2019 \u2013 \u201aPlatz-Regen\u2019. Es birgt Unerwartetes, fordert Imaginationsf\u00e4higkeiten und Mutma\u00dfungen ein, ist etwas anderes als es den vordergr\u00fcndigen Anschein hat. Das Bild ist einpr\u00e4gsam, auf den Punkt gebracht, im Zentrum des Spitalplatzes in G\u00f6ppingen, ein Angebot f\u00fcr jedermanns Aufmerksamkeit, humorvoll und gut f\u00fcr die eigene \u00dcberraschung oder zur Beobachtung der kleinen Katastrophe f\u00fcr den anderen und deren modern mythologische Deutung.<br><br>Werner Meyer<br><br><sup>1<\/sup> Ren\u00e9 Magritte: La trahison des images (Der Verrat der Bilder), 1929. \u00d6l auf Leinwand, 60 x 81 cm. Los Angeles County Museum of Art.<br><sup>2<\/sup> Aby Warburg: Schlangenritual. Berlin 1995, S. 17 (Abb. 4): Cleo Jurino, Kosmologische Darstellung, Santa F\u00e9 1896.<br><br>Der Regenschirm ist entstanden durch die Initiative des Kunstvereins G\u00f6ppingen 8.Juli bis 31 Oktober 2005.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spitalplatz, G\u00f6ppingen, 2005<br \/>\nRegenschirm 5-fach vergr\u00f6\u00dfert, Stahl, Segeltuch, Regenanlage<\/p>\n<p>1929 malt der surrealistische Maler Ren\u00e9 Magritte vielfach vergr\u00f6\u00dfert eine Pfeife und darunter steht: Ceci n\u2019est pas une pipe.<sup>1<\/sup> In der Tat, es ist \u201enur\u201c das Bild einer Pfeife. Sie ist darauf nicht aus Holz, und man kann mit ihr nicht rauchen. Gleichwohl demonstriert der K\u00fcnstler die wesentlichen Qualit\u00e4ten eines Bildes. So verh\u00e4lt es sich mit dieser Skulptur eines Schirms von Michael D\u00f6rner. Eigentlich handelt es sich um ein Bild. <\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":313,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,25],"tags":[],"class_list":["post-374","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kunst-oeffentlicher-raum","category-2000-2009","has-thumbnail"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=374"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":376,"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374\/revisions\/376"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/313"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=374"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=374"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaeldoerner.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}