Kunst im öffentlichen Raum

Große Freiheit

Bahnhofstraße Bremervörde, 2015
Digitaldruck auf Gewebeplane, 5,53 m x 9,11 m

Wer träumt nicht von dem großen Gewinn, der sein Leben verändern könnte. Wer träumt nicht von dem Glamour, der Lust und der Liebe einer Stadt. Tausende von Lichtern an riesigen Gebäuden verführen das Auge und beleuchten die Sehnsüchte der Menschen. Die Bahnhofstraße in Bremervörde ist eine kleine Straße, ohne große Verführungen, ohne auffällige Attraktionen. Ein chinesisches Restaurant, ein Hotel, eine Glückspielhalle, eine Apotheke und Wohnhäuser - nichts verweist auf Weltoffenheit, Glück, Liebe und Hoffnung. Wie schön wäre es diese Träume ein wenig zu verstärken.

Michael Dörner bringt mit seiner überdimensionalen digital überarbeiteten Fotomontage „Große Freiheit“ einen Hauch von Illusion und Fantasie nach Bremervörde. Seine mit Fotos aus dem Stadtteil St. Pauli in Hamburg versehene Plane an einer leeren Hauswand einer Spielhalle verweisen auf die nahe Stadt mit seinen scheinbar allzu verlockenden Angeboten.

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich der an der HKS lehrende Professor Michael Dörner mit künstlerischen Fragestellungen in Gesellschaft und Kultur auseinander. Er versucht mit seinen Werken die gewohnten Sinneserfahrungen zu durchbrechen und zu erweitern, den Rezipienten mit einer scheinbaren Identität der Dinge zu konfrontieren. Dabei ist das Spiel mit der Wahrnehmung von entscheidender Bedeutung.


Farbe bekennen

Große Straße 107, Ottersberg, 2014

Die Hochschule für Künste im Sozialen ist ein Ort an dem stetig junge Menschen studieren. Doch spielt sich eben jenes Leben meist „innen“ ab. Wer von Außen kommt, dem bleiben die Aktivität und Vitalität dieses Ortes in der Regel erst einmal verborgen. Die Skulptur „Farbe bekennen“ möchte ein Signal setzen und darauf hinweisen, dass hier etwas passiert. Der Ort als ein magischer Magnet für Studenten und Studentinnen wird in neues Licht getaucht. Mit fünf farbigen Leuchtkästen transformiert Michael Dörner deren ursprüngliche Wirkweise in ein künstlerisches Statement: „Wir sind hier!“ Es sind Werbeflächen ohne offensichtliche Werbung. Es ist die anziehende Leere, die von den Ankommenden gefüllt werden muss.

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich der an der HKS lehrende Professor Michael Dörner mit künstlerischen Fragestellungen in Gesellschaft und Kultur auseinander. Er versucht mit seinen Werken die gewohnten Sinneserfahrungen zu durchbrechen und zu erweitern, den Rezipienten mit einer scheinbaren Identität der Dinge zu konfrontieren. Dabei ist das Spiel mit der Wahrnehmung von entscheidender Bedeutung.


GenieStreich

Gästehaus des Helmholtz Zentrums Dresden Rossendorf, 2011

Der Hamburger Künstler Michael Dörner schuf 2011 das Kunstwerk Geniestreich für die Fassade des Gästehauses. In sechs visuellen Zitaten beschäftigt sich Geniestreich mit Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit. Skizzen verschiedener Wissenschaftler erscheinen wie freigelegte Graffitis auf der Außenwand des Gebäudes und zeigen nicht nur die Komplexität wissenschaftlichen Denkens, sondern auch die spezielle Ästhetik der Entwürfe. Die Motive wurden in Siebdrucktechnik auf die Fassadenplatten aufgebracht.
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In 2011, Hamburg-based artist Michael Dörner created the art work Stroke of Genius for the façade of the guesthouse. With six different visual quotations, Stroke of Genius focuses upon the history of science in the modern age. Evoking the impression of early graffiti art, six sketches by various scientists appear on the exterior wall of the building. Not only do they demonstrate the complexity of scientific thinking, they also draw our attention to their own particular aesthetics. Silk-screen technology was used to apply these motifs onto the surface of the façade panels.
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„Die Raute im Ikosaeder der Geschichte“

Denkmal Hamburger Fußballgeschichte
Stahl, Fotofolien, Licht
3m x 3m
Rothenbaumchaussee, Hamburg
Fertigstellung voraussichtlich 2010


Lola

Gesamtschule Hohenlockstedt, 2007
Beton, Stahl, Farbe
Arthur Boskamp-Stiftung M1 Hohenlockstedt,
Gemeinde Hohenlockstedt

Fast wie im Märchen: Süßigkeiten liegen auf einem Schulgelände. Vier bunte übergroße Kegellollis mit farbigen Griffen, geformt zu unterschiedlichen Figuren. Wer hat diese hier vergessen oder ist man gar bei Alice im Wunderland? Süße Erinnerungen an die Kindheit werden wach. Auf den ersten Blick lockt die bunte, fröhliche Masse zum Probieren, doch schnell wird klar, dass die großen Lollis nicht echt sind. Beim genaueren Betrachten handelt es sich um Skulpturen aus bemaltem Beton mit figürlichen Griffen aus Stahl. Der Interessierte erkennt einen Reiter, einen Fußsoldaten, einen Finnischen Jäger und einen gefallenen Soldaten der fiktiv begraben in der Erde ruht. Doch was machen Soldaten in Hohenlockstedt auf einem Schulgelände? Das KunstWerk LoLa, geschaffen von Michael Dörner, ist auf den zweiten Blick nicht nur farbig und lustig, sondern tiefgründig und mit der Geschichte des Ortes verbunden. Auf dem Schulgelände verweist Dörner auf den Umstand, dass es Hohenlockstedt ohne Soldaten nicht geben würde. Als Barackenlager für Gefangene im deutsch-französichen Krieg 1870/71 errichtet, entwickelte sich der Ort anschließend unter dem Namen Lockstedter Lager (LoLa) zu einem der größten Militärübungsplätze Deutschlands. 1915 wurden hier die "Finnischen Jäger" ausgebildet, die wesentlich zur Befreiung Finnlands und dessen anschließender Selbstständigkeit beitrugen.

LoLa betitelt Ort wie Kunst und veranschaulicht eine Konstante in den Werken Dörners. Neben der Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Raumes, ist seine Aufmerksamkeit und Sensibilität auf die Gleichzeitigkeiten gerichtet, die diesen definieren. Seine künstlerischen Eingriffe können Möglichkeiten aufzeigen, Orte als Begegnungsräume zu gewinnen; auch für Bevölkerungsgruppen, die diesen Anspruch an den öffentlichen Raum nicht als selbstverständlich ansehen. Sie sind Angebote zum Erzählen alter und neuer Geschichten - Märcheneingeschlossen.

Simone Laubach, Museumsleitung Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe


VERSEHEN

Portal der Stadtgalerie Kiel, 2007
9m x 3,50m
Stahl, Aluminium, Polyethylenkugeln, grünes Neonlicht

Der Hamburger Künstler Michael Dörner hat für den Eingangsbereich der Stadtgalerie eine Installation entworfen, die, einer überdimensionierten Stehlampe gleich, auch die Funktion eines Wetterschutzdaches vor dem Haupteingang übernimmt. Die Skulptur stellt das dritte Projekt einer vom Kunstbeirat der Landeshauptstadt Kiel betreuten Serie von temporären künstlerischen Projekten am Eingang der Stadtgalerie dar. Das große Objekt lässt vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zu. Die Kuppel, die den Lampenschirm oder auch das Schutzdach darstellt, kann als ein riesiges Insektenauge gelesen werden, das, als Facettenauge bezeichnet, bekanntlich dem menschlichen Auge weit überlegen ist. Das Auge ist das Portal zur visuellen Wahrnehmung und für den Menschen ist es die Voraussetzung zur Erkenntnis. Beides sind Fähigkeiten, die beispielsweise das Lesen von Büchern oder das Betrachten von Kunst erst ermöglichen. Die vom Künstler als weit reichendes Auge konzipierte Kuppel verweist auf die Funktionen der Einrichtungen, die sich in dem Gebäude befinden, die Stadtgalerie als Raum für Kunst und die Stadtbücherei als Ort des Lesens. Beide Einrichtungen verbindet der Prozess des Sehens, Erkennens und der Wahrnehmung.

Wolfgang Zeigerer

Die Installation ist ein gemeinsames Projekt des Kunstbeirates der Landeshauptstadt Kiel und der Stadtgalerie Kiel.

Stadtgalerie Kiel, Andreas-Gayk-Str.31, 24103 Kiel - www.kiel.de/kultur/stadtgalerie


„Freut Euch!“

Spitalplatz, Göppingen, 2005
Regenschirm 5-fach vergrößert, Stahl, Segeltuch, Regenanlage

1929 malt der surrealistische Maler René Magritte vielfach vergrößert eine Pfeife und darunter steht: Ceci n’est pas une pipe.1 In der Tat, es ist „nur“ das Bild einer Pfeife. Sie ist darauf nicht aus Holz, und man kann mit ihr nicht rauchen. Gleichwohl demonstriert der Künstler die wesentlichen Qualitäten eines Bildes. So verhält es sich mit dieser Skulptur eines Schirms von Michael Dörner. Eigentlich handelt es sich um ein Bild. Die Form zeigt das klassische Modell, das der stilbewusste Mann sich über den Arm hängen würde als Geste und Beschwörungsformel: Der Regen kann kommen (wenn er nicht schon da ist), ich bin gewappnet. Der Alltagsgegenstand bekommt durch seine monumentale Größe eine besondere Wertigkeit, eine andere Dimension und Bedeutung als Bild im öffentlichen Raum, mitten auf einem Platz. ‚Platz-Regen’, ‚Regen-Schirm’ – assoziative Wortverbindungen verführen zu Mehrdeutigkeit, zu Widersprüchlichkeit, das Bild hält gegen die vertraute Gegenständlichkeit seine eigene Bedeutung und Bildwirklichkeit offen.

Erlebt man diese Schirmskulptur als modernen Baldachin, als Bild eines zweiten tragbaren und schützenden Himmels, dann kann es geschehen, dass man unverhofft auch darunter kräftig nass wird. So entpuppt sich dies Bild eines Schirms als Illusion, wird schöner Schein und zur Falle vermeintlicher Verlässlichkeit. Genau dann behauptet das Kunstwerk seinen Eigensinn. Einmal mehr trügt der Schein. Mit Humor erfasst man die Groteske, deren Heiterkeit wie den Ernst der Lage. Das Ungesicherte, die Freiheit des Widerspruchs, die Resistenz gegen alle praktische Vereinnahmung zeichnet das Kunstwerk aus. Das Bild ist ein zauberhaftes Gaukelspiel, das Schutz, Vernunft und Sinn beschwört und gleichzeitig außer Kraft setzt. Für den Betroffenen werden Erwartung und Überraschung, Lachen und Zorn unter Umständen ganz nahe beieinander liegen. Der Witz des Unverhofften im Bild hebt die Banalität und Biederkeit des wirklichen Regenschirms auf. Auf dem Schirm zitiert Michael Dörner eine berühmte Zeichnung2. Aby Warburg, einer der Begründer der modernen Kunstgeschichte, war 1896 bei den Pueblo-Indianern (New Mexico, Arizona in den USA). Mit dieser Zeichnung hat für ihn ein indianischer Schamane seine Vorstellung des Kosmos ins Bild gesetzt: Das Weltall ist vorstellbar im Bild eines Hauses, daneben eine irrationale Tiergröße als rätselhafter und gefürchteter Dämon, die Schlange. Dazu muss man wissen, dass die Pueblo-Indianer in Dörfern mit festen Häusern leben (Pueblo heißt in spanischer Sprache ‚Dorf’), in einer kargen, trockenen Landschaft. Regen hat eine besondere Bedeutung. Wenn er kommt, dann eher plötzlich, gewaltsam, mit Blitz und Donner. Das Dach des Welthauses hat einen treppenförmigen Giebel, ist eine durchschnittene Pyramide. Darunter spannt sich ein Regenbogen über das ganze Firmament, darunter sehen wir weiße und schwarze Regenwolken, darunter in feinen parallelen Strichen den Regen. Die Schlange mit ihrer Zickzack-Gestalt verknüpfen die Indianer in ihrem traditionell animistischen Glauben magisch-kausal mit dem Blitz. Über dem Haus sind solche abstrakten Blitze sichtbar, vergleichbar der Zunge der Schlange in Pfeilform. Ein solches Bild, zusammen mit Gebeten und Ritualen mit lebendigen Schlangen, dient den Indianern zur Beschwörung des Regens. Dazu gehört noch der Fetisch, das abstrakte Gottesbild, das auf einem Bogen über den Wolken im Welthaus schwebt. Man könnte das Bild in allen seinen Teilen als archetypische Kosmologie ausdeuten: das Treppendach als Auf und Ab des Lebens, die Schlange zugleich als Symbol der Zeit und ihres Rhythmus… Wesentlich ist: Das Beobachten und Deuten des Himmels ist erfüllt von Hoffen und Furcht. Wetter bedeutet Segen und Fluch für die Menschen. Das zeigen uns heute in anderer Form die in letzter Zeit immer häufigeren Berichte in den Medien von so genannten „Naturkatastrophen“: eine bunte Mischung von Satellitenbildern, Wetterkarten und Bildern zerstörter Zivilisation. Sie vermitteln auch, in welchem Maße wir bis heute dem ausgeliefert sind.

Im vermeintlichen Gegensatz zum animistischen Weltbild der Pueblo-Indianer haben wir aufgeklärte Europäer den täglichen Wetterbericht, verfasst von Meteorologen mit dem ganzen Instrumentarium hochmoderner Wissenschaft. Die Einladungskarte zur Vorstellung der Skulptur Michael Dörners zitiert eine mathematische Formel der Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Berechnung der Abweichung zwischen der Vorhersage des Wetters und dessen realen Messungen. Der Wert benennt die Genauigkeit unserer wissenschaftlichen Beherrschung des Wetters. Anders gesagt: Es handelt sich um eine komplizierte, dem Laien unzugängliche Formel für den Moment, den Wert der Überraschung. Wer zu verstehen sucht, dem stellt sich die Frage: Was ist weniger oder mehr kryptisch, eher einsichtig oder geheimnisvoll, magisch: diese nur hoch spezialisierten Wissenschaftlern zugängliche mathematische Formel und die Bilder der täglichen Wettervorhersage im Fernsehen oder das indianische Bild, verbunden mit dem Schlangenritual des indianischen Dorfschamanen? Was haben sie gemeinsam? Beide sind suggestiv, rufen das Vertrauen der Menschen auf den Plan in so etwas wie Wissen. Und beide sind ebenso resistent gegen gesicherte Interpretation. Die Menschheit hat magische Formeln, Rituale, schlussendlich Bilder der Annäherung an etwas, was nach wie vor sein Geheimnis birgt. Niemand weiß genau, wann, wie, wo und wie viel es regnet, ob es Fluch oder Segen sein wird.

Der Regenschirm ist ein praktischer Gegenstand. Wie viel Beschwörungsformeln in den Gesten stecken, mit denen man mit ihm umgeht, wird man sich fragen. Welche Bedeutung haben Farben, sein Dekor, nicht zuletzt manches Label darauf… - das mag als modernes, heutiges Geheimnis und Frage bewusst werden. So kann man auch ihn als Bild betrachten, was mehr bedeutet als seine praktische Nützlichkeit. Der „Schirm“ von Michael Dörner, der keiner ist, sondern ein Bild, steht frei zur öffentlichen Erfahrung und Debatte. Sein monumentales Bild verhandelt das Thema ‚Regen’ – ‚Platz-Regen’. Es birgt Unerwartetes, fordert Imaginationsfähigkeiten und Mutmaßungen ein, ist etwas anderes als es den vordergründigen Anschein hat. Das Bild ist einprägsam, auf den Punkt gebracht, im Zentrum des Spitalplatzes in Göppingen, ein Angebot für jedermanns Aufmerksamkeit, humorvoll und gut für die eigene Überraschung oder zur Beobachtung der kleinen Katastrophe für den anderen und deren modern mythologische Deutung.

Werner Meyer

1René Magritte: La trahison des images (Der Verrat der Bilder), 1929. Öl auf Leinwand, 60 x 81 cm. Los Angeles County Museum of Art.
2Aby Warburg: Schlangenritual. Berlin 1995, S. 17 (Abb. 4): Cleo Jurino, Kosmologische Darstellung, Santa Fé 1896.


Der Regenschirm ist entstanden durch die Initiative des Kunstvereins Göppingen 8.Juli bis 31 Oktober 2005.


Türme für Allermöhe – Zuckerstangen für eine neue Stadt

Kunst im öffentliche Raum, Fleetplatz Neuallermöhe, Hamburg, 2004
25m x 4,90m x 4,70m
Stahlspindeln lackiert, Plexiglasspitzen illuminiert, Stahltreppen verzinkt,

Nicht zuletzt war das Fehlen der Türme im modernen Städtebau mit ein Grund dafür, dass Michael Dörner und Christoph Fischer für Allermöhe eben einen solchen ins Spiel brachten. Die Dominanz der Horizontalen unterbricht ihr Turm nun im Ortszentrum. Als ob jemand fremdes Terrain erobert hätte und zum Zeichen seiner Inbesitznahme einen Turm gebaut hätte. Aber ganz so simpel verhält es sich nicht. Denn Michael Dörners Turm beansprucht kein Terrain. Und seine Farben rühren von keiner Fahne her. Offensichtlich sind sie bunten Zuckerstangen nachempfunden, den Leckereien von Jahrmarkt und Weihnachtsfest. Wenn hier also einer seine Fahne symbolisch gehisst hat, dann vielleicht ein Botschafter des Schlaraffenlandes. Ausgehend von seinem architektonischen Grundmodell aber besitzt der Turm keine symbolische Funktion. Er verkörpert, wenngleich in dreifacher Ausführung, einen Treppenturm, einen externen beziehungsweise außerhäuslichen Treppenaufgang, der in verschiedenen Höhen in das eigentliche Gebäude überführt. Hier aber leiten die Treppen um die drei Zuckerstangen in kein angrenzendes Gebäude über. Allein das Firmament empfängt die Besteiger in seinen unendlichen Weiten.

Der Verlust von symbolischen Turmbedeutungen heute hat seinen Vorteil. Statt in Türmen Hybris und Machtmanifestation zu sehen, können wir sie für unsere eigene Fantasie beanspruchen. Das ist auch das Angebot von Michael Dörners und Christoph Fischers Zuckerstangen-Turm: Denken Sie sich ihren eigen Teil, wenn Sie die einhundert Stufen nach oben steigen. Machen Sie sich ihren eigenen Reim beim Auf- wie beim Aufstieg auf Sinn, Bedeutung und Funktion dieses Turms. Ob es immer ein reines Zuckerschlecken wird, wie es die drei Masten sehr zum Missfallen der umliegenden Zahnärzte suggerieren, sei ihrer eigenen Turmerfahrung überlassen. Oder aber begnügen Sie sich ganz einfach mit der elementarsten Funktion dieses Turms als Aussichtsplattform, die ihnen die kleinen und großen Vororte von Allermöhe in einem beeindruckenden Panoramablick zu ihren Füßen legt.

Dr. Wolf Jahn

Entstanden mit freundlicher Unterstützung des Kokus e.V./ Kommunikations-und Kunstverein Allermöhe e.V. - www.kokus-projekte.de.

Bezirksamt Bergedorf, Freie und Hansestadt Hamburg


5.02/9.03 – Kiosk in der Pausenhalle

Schule Türkenstraße 68, München, 2003
368cm x 483cm x 18cm
Transluzentes Glasrelief

In der Pausenhalle leuchtet neuerdings der Kiosk für Snacks und Getränke so verführerisch, als könnte man ihn sich Stück für Stück einverleiben. Dieser trügerische Eindruck ist von Michael Dörner durchaus beabsichtigt, der hier eine zeitgenössische Variante des Lebkuchenhäuschens inklusive dessen Ambivalenzen errichtet hat. Dörners Auseinandersetzung mit transparenten Materialien und Licht gipfelte in seriellen Architekturen aus Fruchtgummi, die urbane Modelle vorschlugen und sich zunächst dem Verzehr verweigerten, bald tatsächlich in wohlschmeckende Installationen mündeten.

Leere Verpackungen von Konsumartikeln, gerne auch Süßwarenschachteln bildeten die Gussformen für die ephemere Baussubstanz und schlugen damit eine Ikonografie der alltäglichen oralen Versuchung vor. Als Matrix tauchen diese Formen auch hier am Kiosk wieder auf; mit Glas in ein beständigeres, jedoch nicht minder visuell attraktives Material übersetzt. Von hinten erhellen zahlreiche Leuchtstoffröhren die opaken Wände und an der Vorderseite tragen Glasplatten eine Fülle von unterschiedlichen Formen. Das tastbare, verführerische Flachrelief erweckt in seiner synthetischen Modulstruktur die Vision von Verfügbarkeit und beliebiger Wiederholbarkeit.

Damit unterwandert Michael Dörner so spielerisch wie subversiv den Einzigartigkeitsanspruch hoher Kunst und verweist auf Massenfertigung von Komfort und Genuss, ganz wie sie sich im Inneren des Kiosks manifestiert. Der leuchtende Schrein selbst ist nicht essbar; natürlich nicht und für seinen Inhalt haben die zumeist kleinen Kunden keinen so drastischen Preis zu entrichten wie weiland Hänsel und Gretel. Dennoch könnte das optische Spektakel in seiner heiteren Geometrie einen Moment lang von den Verlockungen des Konsums ablenken und auf Sättigung durch Kunst setzen.

Susanne Altmann, 2003

Landeshauptstadt München, Baureferat Kommission für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum
www.quivid.de


3.01

Foyer der Stadtgalerie Kiel, 2001
Leuchtkörper, Fruchtgummi, Wandfarbe, Kopf
Im Besitz der Stadtgalerie Kiel